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D. [wie Devil]
Die Müllers
28 JanDas DSL-Menuett

Hallo allerseits, hier spricht wieder Peter Müller.

Lala hat es nicht geschafft, die Erde aus dem Pflanzentopf aus dem Wohnzimmer heraus zu tragen, sie entschied sich stattdessen, die Gardinen im Wohnzimmer sanft umzudesignen. Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters, und Lala hat es mit unseren Gardinen noch nie wirklich leicht gehabt. Für sie ist das Cremeweiß einfach nur weiß und trist; mit etwas Grau erweckt es einen Eindruck moderner Kunst – auch wenn sie nicht an das Blumenwasser zur vollkommener Vollendung ihrer Schöpfung heran gekommen ist. Wahrscheinlich hat es Mark mit den Inlinern etwas übertrieben, und Lala wollte einfach nur aus dem Wege gehen, und am Besten etwas höher, damit kein weiteres Malheur passiert. Aber nun ist es wie es ist, das frisch gekaufte Vanish Oxi kann endlich in Action erlebt werden. Und seien wir mal ehrlich, diesen Gardinen fehlt eindeutig ein Hauch von Pink.

Heute Mittag war auch der Briefträger da – diesmal der gleiche wie gestern – der Bursche scheint wohl gut zu sein, wenn er immer noch bei der Post arbeitet. Der letzte Briefträger konnte sich mit dem Besitzer des Meyve Market nicht einigen, in welcher Kammer die Post zwischengelagert wird. Letztendlich hat der Herr Ladenbesitzer den Katzentisch mit den Briefmarken gegen ein Regal mit frischen Pflaumen getauscht, und somit war das Thema dann erledigt. Die Post musste sich dann einen neuen Raum suchen, und hatte bei einem Bücherladen Glück. Es war für beide Seiten ein Gewinn. Der Bücherladen hatte auf einmal einen Ansturm an Besuchern, doch das war trügerisch, denn die Besucher waren in erster Linie wegen der Post da. Erst später hatte sich das dann gewendet, als man beim Rückversand der Bücher an eine Online-Filiale einen Frustkauf machte, und sodann als Stammkunde deklariert wurde. Kundenbindung, was auch immer dafür getan werden musste.

Der Briefträger hatte vier Nachrichten, drei schlechte und eine nicht näher spezifizierbare. Der Umschlag von NKL wandere erstmal in den Papierkorb, dann auf den Boden (Rudi! Aus!), dann in den Schredder. Die ersten beiden der übrig gebliebenen Umschläge waren von unserem DSL-Anbieter. Der erste sagte, dass der Umzugsauftrag nach Hintertupfingen nicht möglich sei, da die Luna-Relictus-Allee noch nicht ausgebaut wurde. Der Lieferant der weißen Kästchen habe aktuell Lieferengpässe, somit kann auch der Inhalt des Kästchens noch nicht bestellt werden – das interne System lasse dies nicht zu. Man hat sich vielfach entschuldigt und bat noch einen Augenblick zu warten. Der zweite Brief war etwas ernüchternder, dort stand, dass der Anschluss an der aktuellen Anschrift abgeschaltet wurde, da ja ein Umzugsauftrag eingegangen war. Ich wollte mich beschweren und den netten Kollegen am Service-Telefon mitteilen, dass ich ja noch in Rheinfurt wohne, also griff ich zum Hörer, und hörte – nichts. Die Leitung war bereits tot.

Das Mobiltelefon lief glücklicherweise über den Anbieter mit den vielen bunten Pixeln im Logo. Der Empfang war recht bescheiden, doch es hat ausgereicht, um das Kundentelefon unseres DSL-Anbieters zu erreichen, und mein Problem kundzutun. Die nette Dame – obwohl mit einem merkwürdigen Akzent – hatte mir mitgeteilt, dass das wohl ein Fall für die technische Abteilung sei, und stellte mich erstmal in die Warteschleife. Wieder einmal hörte ich diese 8-Bit-Musik, die ich sehr gut von den Spielekonsolen kannte. Nach einer gefühlten Ewigkeit (es sind gute neun Minuten vergangen!), meldete sich auf der anderen Seite doch noch jemand. Herr Engelbert (so hieß der Mann) hörte sich mein Problem genau an, und bat mich erneut, einen kurzen Moment zu warten. Solange dudelte wieder diese Retromusik aus dem Hörer.

Nach weiteren fünf Minuten am Telefon meldete sich Herr Engelbert zurück und teilte mit, dass der Anschluss abgeschaltet wurde, da ein Umzugsauftrag eingegangen war. Ich entgegnete ihm, dass der Umzug erst noch stattfindet, und ich meinen Telefonanschluss sowie DSL auf der aktuellen Anschrift noch brauche. Herr Engelbert beriet sich noch kurz mit seinem Sitznachbar (diesmal ohne Gedudel im Hörer) und ließ mich wissen, dass die Leitung wieder freigeschaltet worden war. Ich warf einen Blick auf das DSL-Modem, das die Kommunikation mit der Außenwelt ins Haus bringt, und tatsächlich – das grüne Lämpchen leuchtete und signalisierte volle Bereitschaft. Ich griff zum Telefonhörer; aus diesem kam ein Freizeichen. Halleluja, dachte ich, bedankte mich beim Herrn Engelbert und legte das Mobiltelefon beiseite. Doch das Gefühl, dass es nicht so einfach gewesen sein konnte, konnte ich aus meiner Magengrube nicht wirklich verdrängen. Und so kam es auch.

Später am Abend musste unsere TV-Serie mehrere Zwangspausen einlegen. Wie auch so viele, schauen wir bereits unsere Lieblingsserien über ein VOD-Dienst, das bedeutet, Video auf Abruf – also Filme und Serien wann immer man will. Der Ladebalken am Fernseher kam immer wieder hoch, um nach einer Minute einen Pixelbrei von zehn Sekunden abzuspielen. Es kam mir vor wie in den Zeiten der 56k-Modems. Damals musste man minutenlang warten, bis eine halbwegs moderne Website geladen war. Heute ist es manchmal auch so, aber das ist eher den vielen bunten Bildchen und Bannern geschuldet. Früher enthielten Websiten noch überwiegend Informationen, heute dagegen flackern Bildschirme wie Weihnachtsbäume.

Ich griff also wiederholt zum Hörer (der Telefonanschluss war Gottseidank intakt) und wählte die Nummer des technischen Supports meines DSL-Anbieters. Herr Engelbert war bereits in den Feierabend verschwunden, doch Frau Fuchs konnte den Fehler schnell finden und beseitigen. Und tatsächlich konnten wir die Folge ohne weiterer Unterbrechung zu Ende schauen.

Mitten in der Nacht, als alles schlief, war nur der DSL-Router wach. Aber nicht lange. Um vier Uhr einundzwanzig war der Anschluss endgültig tot.



9 AugAller Anfang ist schwer

Hallo allerseits. Wir sind die Familie Müller. Ich heiße Peter Müller, bin 42 Jahre alt, Elektroinstallateur von Beruf; wir haben zwei Kinder, einen Hund, eine Katze, unser Sohn hat einen Hamster und unsere Tochter – die ist noch zu klein für ein Haustier. Wir sind gerade im Umzugsstress, die Hälfte der Vierzimmerwohnung mit fünfundachtzig Quadratmeter wurde bereits in die Kisten verpackt, und es bleibt noch eine Woche bis zu unserem großen Umzug. Wir freuen uns schon auf unser neues Zuhause – unsere eigenen vier Wände, zwei Etagen, plus Keller und Dachboden. Die Grundfläche verdoppelt sich, es gibt auch noch eine schöne Terasse, die in ein Garten mündet, dort will meine Frau, Irmgard, einen kleinen Teich. Ich bin eher für einen Pool, aber man hört Leute sagen, man bräuchte eine Einwilligung vom Stadtrat, denn alles, was von der Norm abweicht (sprich: Pool), muss gesondert genehmigt werden. Zumindest bis Google neue Fotos aufnimmt, danach kann man tun und lassen, was man möchte. Aber dies sind Kopfschmerzen von morgen, zuerst steht uns der Umzug bevor, danach alles Weitere.

Meine Tochter ist drei Jahre alt, sie kann bereits zählen, Schnürsenkel binden und nach Essen schreien, und das bei circa einhundertundvierzig Dezibel, zumindest gefühlt. Zwar schafft es der Flieger, sie zu übertönen, aber dies passiert ja nur zweimal die Stunde – die restliche Zeit muss man es einfach hinnehmen. Sie schaut dann einfach nach oben und zählt die Räder am Fahrwerk. Und betrachtet die Farbe der Einzelteile an der Unterseite des Fliegers. Danach läuft sie zu mir und schreit: „Papa, wenn ich groß bin, will ich auch ein Flugzeug!“ Aber Papa muss sich erst einmal um ein neues Eigenheim kümmern, und danach das Kind auf die Schule schicken, um sodann mit einem guten Abschluss das Kind zur Uni zu verabschieden. Aber dazu später mehr.

Vor drei Jahren, als unsere Tochter geboren wurde, war Mark sieben Jahre alt. Heute ist er zehn, und unsere fünfundsiebzig Quadratmeter sind inzwischen für uns alle zu klein geworden. Auch Rudi, unser Labrador, nimmt inzwischen nicht mehr nur das Wohnzimmer ein, sondern auch die anderen Zimmer der Wohnung. Daher haben wir unsere Sparverträge in ein Eigenheim umgewandelt, und ziehen jetzt aus dem geliebten Rheinfurt nach Hintertupfingen. Ich freue mich schon – endlich frische Luft, Landschaft wohin das Auge reicht und Ruhe, viel Ruhe. Keine Flieger, keine Züge vor dem Fenster, nur Weide. Einen Bach gibt’s auch. Eben ländlich. Und wunderschön.

Zusammen mit dem Eigenheim haben wir auch ein zweites Auto gekauft. Wir haben es uns ausgerechnet, dass die Benzinkosten, wenn diese so bleiben wie jetzt, bereits nach drei Jahren die Kosten für die Monatskarten decken werden. Achja, und vier neue Fahrräder, immerhin sind es gute drei Kilometer bis zum nächsten Tante-Emma-Laden. Nur für den Fall, dass wir schnell etwas brauchen. Es darf halt nicht am Sonntag sein. Und auch nicht am Samstagnachmittag, der Laden schließt bereits um zwei. Aber immerhin gibt es dort jeden Morgen frische Brötchen und hausgemachte Marmelade. Hildebrand Emmer, der der Laden gehört, hat unweit von unserem neuen Eigenheim ein Erdbeerfeld; die Erdbeeren, die am Tag nicht verkauft werden, landen eine Woche später in Einmachgläsern auf den Regalen.Und auch sonst gibt es dort von Artischocken, über Seife bis zu Zedernholzsohlen alles, was man für das ländliche Leben braucht.

Irmgard ruft, Lena hat mal wieder die Topfpflanze umgeworfen, und ich befürchte, Rudi ist auch nicht ganz unschuldig dran. Jetzt muss aber der Papa ran, denn die Sauerei muss aufgeräumt werden, bevor Mark mit seinen Inlinern alles durch die Wohnung schleppt, und Lala, unsere Katze, ihm dabei hilft.

Bald ist’s geschafft.